Ähnlich, wie es vor knapp anderthalb Jahren dem Leipziger Professor und Autor Dirk Oschmann erging, erfährt es nun der Berliner Professor und Autor Steffen Mau nach der Publikation seines 160-Seiten-Buchs zum ominösen Themenblock Ostdeutschland. Feuilleton-Autoren und unabhängige Bloggerinnen stehen Schlange, um zu rezensieren und zu kommentieren. Maus Werk trägt nun den vielsagenden Titel "Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt." und sieht sich im Gegensatz zu Oschmann nicht als eine Abrechnung mit Westdeutschland, sondern als eine Status-Quo-Analyse der ostdeutschen Teilgesellschaft. Weniger provokant, kein Konfrontationskurs, doch das Buch macht trotzdem Furore und steht wochenlang auf Bestsellerlisten. Befeuert durch die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gab es wohl durchaus Bedürfnisse, den Osten jetzt noch einmal richtig verstehen zu wollen.
In sieben knappen Kapiteln stellt Mau seine Kernthese vor, skizziert historische Verwerfungen und Hintergründe, die Identitäten und politische Kulturen in Ostdeutschland beeinflusst haben, prognostiziert Schäden an der Demokratie, die durch eine fortgeführte Nichtbeachtung von Ost-West-Unterschieden entstehen könnten, und schließt mit einem vorsichtigen Heilsversprechen, um genau das zu verhindern. Die besagte Kernthese findet man bereits im Titel: Mau geht davon aus, dass Ost und West sich über kurz oder lang nicht angleichen werden (oder wie es im Soziologen-Deutsch heißt: "Die Egalisierungshoffnung lässt sich als normativer Maßstab kaum aufrecht erhalten", S. 19). Die Liste der Indikatoren, die Ost und West noch unterscheiden und die dementsprechend einer solchen Angleichung im Weg stehen, nehmen ganze zehn Zeilen in Anspruch. In der Diskussion dieser Angleichungshoffnung merkt man bei Mau - wie sonst wenig in diesem doch sehr beobachtenden, objektiven Buch - dann doch eine gewisse persönliche Involviertheit: "Die Gegenwart trägt immer die Last der Vergangenheit. Schon allein deshalb verbietet es sich zu erwarten, andere sollten so werden wie man selbst." (S. 20). Mau argumentiert fundiert und pointiert dafür, dass der Osten eben nicht nur eine West-Erfindung ist, sondern ein sich vom Westen unterscheidender eigener sozioökonomischer und -kultureller Raum. Schon zu Beginn referenziert er Dirk Oschmann, um sich von ihm abzugrenzen: Das westdeutsche Lästern über Ostdeutschland, das ist eben doch nicht ausreichend, um die Entwicklungen in Ostdeutschland selbst zu erklären (Dass die Motivation hinter Oschmanns Buch allerdings nicht das Erklären politischer Verhältnisse im Osten war, nun, eine Nebensächlichkeit).
Für jemanden, der oder die sich bereits intensiver mit dem Thema Ostdeutschland auseinandergesetzt haben (so auch diese Blogautorinnen), hält Maus Zusammenfassung nicht sonderlich viel Neues bereit, ist aber ohne Zweifel eine wertvolle und faktengestützte Ressource für zukünftige Diskussionen. Für alle anderen bietet das Buch eine kurze Einführung in alle wichtigen ostdeutschen Problemlagen: Demografischer Wandel, Überalterung, Bevölkerungsrückgang, "sozialstrukturelle Unterprivilegierung" (S. 22), geringe Betriebsratsdichte und Parteienverwurzelung, demografische Maskulinisierung, Frustregionen, Ungleichheit beim Erbe und den Aufstiegschancen. Aber selbst hier kommen noch Fakten zutage, die überraschen und schockieren: "Westdeutsche haben im Osten ungeachtet [sozioökonomischer Aspekte] bessere Chancen auf höhere Führungspositionen" (S. 25): selbst die sozioökonomisch unterprivilegierten Westdeutschen haben im Osten Privilegien, die die Ostdeutschen selbst nicht haben. Oder dies hier: "Der Anteil der [Ostdeutschen] an Landesregierungen in Ostdeutschland [war] seit 1990 nie so
niedrig wie im letzten Jahr der Messung 2020" (S. 25). Die politische und gesellschaftliche Stimmung im Osten bezeichnet er als "verfestigte Unmutskultur" (S. 43). Zudem beschreibt er die "leicht aktivierbare Verlustaversion" (S. 37) und Veränderungsmüdigkeit, die in Ostdeutschland aufgrund der Transformationserfahrungen existieren.
Historische Verwerfungen und kritische Perspektiven auf die Wiedervereinigung nehmen Raum in Maus Ausführungen ein, sind aber nicht alles dominierend und bleiben vorwurfs- und polemikfrei: "Es mangelte damals sowohl am politischen Willen als auch an der sozialen Fantasie, sich den "Aufbau Ost" anders denn als einen "Nachbau West" vorzustellen" (S. 41). Die ostdeutsche Ohnmachtserfahrung wird einem grundsätzlich anderen Teilhabeverständnis im Osten gegenübergestellt, was in Kombination mit den entleerten sozialen Räumen nach der Wende fruchtbaren Boden für Populismus und Rechtsextremismus bot. Mau spricht auch Punkte an, die besonders aus einer Nachwendeperspektive durchaus interessant - weil bisher wenig diskutiert - sind, unter anderem die "schonende" Behandlung, die diese Generation den eigenen Eltern entgegenbrachte (S. 62/63). Vergangenheitsaufarbeitung - und das gilt nicht nur für 68er-Studierende in der BRD, sondern auch für die heutige Zeit - kann ein Privileg sein. Zeiten von wirtschaftlicher Unsicherheit und Instabilität können dieses Privileg einer ganzen Generation nehmen.
Schlussendlich fügt sich das Gesamtbild zu einer ostdeutschen Gesellschaft mit ademokratischen Tendenzen zusammen, die bei Nichteinschreiten zu "Allmählichkeitsschäden der Demokratie" - so der Kapiteltitel - führen werden. Es droht eine "schleichende Volksparteiisierung der AfD" (S. 102), es existieren Gefühle der "Nichteinbezogenheit in die Politik" (S. 102). Menschen missverstehen das "Gehört-Werden" als ein "Sich-unmittelbar-durchsetzen-wollen" (S. 103), es fehlen Beteiligungskanäle und Selbstwirksamkeitserfahrungen (S. 103). Aber Mau hält nicht mit Lösungsvorschlägen hinter dem Berg: Er argumentiert für Bürgerräte, die als Willensbildungsinstrumente dienen und demokratische Verständigung innerhalb einer Gesellschaft ermöglichen können. Und all dies vor dem Hintergrund dieser fast schon drohenden Frage: "Wer
glaubt ernsthaft, dass es zu einer Umkehr der verfestigten Trends der
erodierenden Parteienbindung, des schwindenden Vertrauens in die
Institutionen und der rechtspopulistischen Mobilisierung kommen wird?" (S. 143)
Mau komprimiert viel auf wenig Platz; es scheint ein wenig, als hätte er sein Buch (ähnlich wie im Übrigen sein Kontrahent Dirk Oschmann) in einer Nacht runtergeschrieben. Was in anderen Gesprächssituationen nicht ausreichend sein mag, ist für das deutsch-deutsche Verständnis und den aktuellen Stand der Debatte aktuell besonders angebracht: ein Versuch, kurz und knapp zu argumentieren sowie Ausschweifungen, Anekdoten und persönliches Beleidigt-Sein wegzulassen (wahrscheinlich in der Hoffnung, die Gemüter zu beruhigen und die Stimmung zu heben - das Publikationsdatum war vielleicht auch nicht ganz zufällig gewählt). Mau geht weder schonend mit der ostdeutschen noch mit der westdeutschen Gesellschaft um, und vielleicht ist das sein Erfolgsgeheimnis. Er gibt sowohl Ost als auch West die Erlaubnis, den Osten als "anders als den Westen" wahrzunehmen, und das wahrscheinlich in Übereinstimmung mit der Realität vieler in beiden Landesteilen. Das Anders-Sein des Ostens versteht Mau aber nicht als Hindernis auf einer westdeutschen Entwicklungsspur, sondern als Chance. Es ist letzten Endes genau dieser feine Unterschied zwischen Mau und
seinen zahlreichen Mitautor:innen, der
sein Buch für mich so wertvoll macht: Der Osten als Partizipationslabor (S. 129) statt als schiefgegangene Demokratiemission ist eine Perspektive, die sowohl Ost als auch West aktuell gut gebrauchen können - auch wenn das Buch nach den Landtagswahlen wahrscheinlich doch eine etwas andere Wirkung hat als noch im Sommer. Der vorsichtige Optimismus und die Handlungsaufforderungen des Schlusskapitels hinterlassen einen etwas faden Nachgeschmack beim Lesen. Und die Frage nach der Lektüre bleibt: Wer liest dieses Buch, wer versteht es und wer setzt die Inhalte in die Realität um? Solange das nicht klar benennbar ist, können die Feuilleton-Autoren und die unabhängigen Blogautorinnen rezensieren und kommentieren, bis sie umfallen - das Partizipationslabor Ostdeutschland verbleibt dann weiter in der Schublade der ungenutzten Chancen.
Hanna
Quellen:
Mau, S. (2024). Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt. Suhrkamp.
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