Generationengespräche Ost: Interview mit Sabine Michel und Dörte Grimm

Am 9. Januar 2025 führten wir ein Interview mit Sabine Michel und Dörte Grimm. Wir lernten die beiden Autorinnen und Regisseurinnen im November 2024 beim N5-Symposium in Leipzig bei der Lesung ihres neuesten Buches „Es ist einmal. Ostdeutsche Großeltern und ihre Enkel im Gespräch“ kennen. Nach einer kurzen Unterhaltung war mir klar, dass Hanna und ich die beiden für Eastplaining interviewen sollten. Noch im Zug zurück nach Erfurt las ich das Buch fertig, das zweite folgte kurz darauf, auch Hanna war direkt von den Werken begeistert.

Die Bücher beinhalten Generationengespräche: Im ersten Band kommen erwachsene Kinder, etwa zwischen 1975 und 1985 geboren, mit ihren Eltern über die DDR-Zeit ins Gespräch, im zweiten Band sind es Enkelkinder in meinem und Hannas Alter und ihre Großeltern. Von ganz unterschiedlichen Hintergründen her entstehen interessante Gespräche, in denen viel aufbricht. Hanna schrieb mir Mitte Dezember: „Ich habe jetzt das erste Buch zur Hälfte durch. Ich glaube, wenn mich in der Zukunft jemand nach Ostdeutschland fragt, werde ich nicht mehr Oschmann oder Mau empfehlen, sondern das. Erstens – zugänglicher, zweitens – viel einsichtiger und vielschichtiger.“ Der Einschätzung stimme ich ebenfalls zu und kann jeder Person, die sich für deutsche und europäische Geschichte interessiert – nein, eben nicht nur für ostdeutsche Geschichte, diese Erzählungen sind Teil eines Ganzen! – nur ausdrücklich empfehlen.

Sabine Michel, 1971 in Dresden geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Regisseurin und Dokumentarfilmerin. Nach ersten Erfahrungen in Regie- und Kameraassistenz sowie einem Studium in Paris und Potsdam widmete sie sich in ihren Arbeiten häufig gesellschaftlich relevanten Themen. Sie porträtierte prominente Persönlichkeiten wie Corinna Harfouch und Sibylle Bergemann und gewann für ihre Dokumentationen mehrere Preise. Ihr Film "Zonenmädchen" beleuchtet das Leben nach dem Mauerfall, während "Montags in Dresden" Pegida-Anhänger:innen thematisiert. Sabine Michel ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und beschäftigt sich in ihren Filmen oft mit der Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Ihr aktueller Film „Frauen in Landschaften“ über vier ostdeutsche Spitzenpolitikerinnen lief lange im Kino und letztens im Fernsehen.

Dörte Grimm, 1978 in Pritzwalk geboren, ist eine vielseitige Autorin und Filmemacherin. Sie studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie in Berlin und arbeitet seit 2008 freiberuflich als Regisseurin und Autorin. In ihren Arbeiten konzentriert sie sich auf Dokumentarfilme, Kinderbücher sowie Kurz- und Imagefilme. Grimm ist zudem aktiv in der Medienlandschaft und für verschiedene Fernsehformate tätig. Seit 2015 engagiert sie sich im Verein Perspektive hoch drei / Dritte Generation Ost, wo sie sich mit den Erfahrungen und Themen der Ostdeutschen Generation, die etwa zwischen 1975 und 1985 zur Welt kam, auseinandersetzt. Ihr Werk behandelt oft gesellschaftliche und kulturelle Fragestellungen, insbesondere im Hinblick auf die deutsche Geschichte und Identität.

Wir sprachen mit ihnen über ihre Bücher, ihren Arbeitsprozess und ihre Erkenntnisse. Wir wünschen eine angenehme Lektüre!




Weronika: Woher kennt ihr euch und wie seid ihr darauf gekommen, gemeinsam Bücher zu schreiben? Ihr beschäftigt euch ja auch viel mit dem Filmmedium.

Sabine Michel: Da muss ich anfangen, denn ich bin vor mehreren Jahren nach der Beschäftigung mit anderen ostdeutschen Biografien wie Corinna Hafourch oder Sybille Bergemann bei meiner Biografie gelandet. In meinem Film „Zonenmädchen“ erzähle ich die Geschichte meiner vier Schulfreundinnen und meine eigene. Wir sind in der DDR groß geworden und haben genau zur Wendezeit Abitur gemacht, wurden also für eine Zukunft erzogen, die dann gar nicht eingetreten ist. Im Zuge dieses Films habe ich, gemeinsam mit den anderen Frauen, auch versucht, mit unserer Elterngeneration ins Gespräch zu kommen. Das war zu bestimmten Themen gar nicht einfach, und am Ende landeten von fünf Frauen nur zwei Mütter im Film. Bis dahin dachte ich, dass es sich dabei um ein individuelles Phänomen in unseren Familien handeln würde. Das war 2012. Bei der Kinotour stand ich dann in Kinosälen, wo ich meine Gegenüber – entweder Eltern oder erwachsene Kinder, etwa in meinem Alter oder etwas jünger, in einer ähnlichen Situation gefunden habe. Sie berichteten mir davon, dass die Weitergabe von Erzählungen aus der DDR-Zeit anekdotisch bei jeder Familienfeier sehr gut funktioniert. Doch sobald das Gespräch sich in die Richtung bestimmter Themen wendet, wird erstaunlich wenig zu diesen Themen gesagt. Damals dachte ich mir: Man müsste exemplarisch solche Gespräche führen und aufzeichnen. Mir war dann sehr schnell klar, dass ich das Filmmedium dafür verlassen muss, weil das einfach nicht passen würde. Bis dahin kannten Dörte und ich uns gar nicht. Ich beantragte die erste Förderung für das Projekt, aber parallel begann ich, an „Montags in Dresden“, einem größeren Film, zu arbeiten, und realisierte, wie aufwendig auch das Gesprächsprojekt sein würde. So bin ich auf Dörte gestoßen, als ich mich erkundigte, wen das Thema noch interessierte. Ich hörte von ihrem Wendekinderporträt.

Dörte Grimm: Als Sabine mich anschrieb, war ich bereits bei Perspektive hoch 3, einem Teil der Dritten Generation Ost, die sich zum 20jährigen Jubiläum des Mauerfalls gegründet hatten, um einen Beitrag zum Ostdiskurs zu leisten. Sie wollten diesen nicht nur von den älteren Generationen bestimmen lassen, da gab es eine richtige Repräsentationslücke! Wir alle waren gut ausgebildet, hatten studiert, waren viel gereist und standen an einem Punkt, an dem wir uns fragten: Wie können wir uns Gehör verschaffen? Also gründeten wir einen Verein, trafen uns regelmäßig und diskutierten. Eines der verbindenden Merkmale bei diesen Treffen war, dass unsere Eltern oft nicht über ihre Vergangenheit sprachen. Dieses Schweigen einte uns. Wir stellten fest, dass wir viele Informationen eher aus journalistischen Berichten oder Büchern bezogen als aus familiären Gesprächen. Neben anderen Aktivitäten veröffentlichte der Verein auch eine Publikation darüber, wie Eltern und Kinder ins Gespräch kommen können. Sabine sprach mich in dieser Phase an, und ich sagte sofort zu, weil ich das Thema unglaublich spannend fand. Auch in meiner eigenen Familie habe ich diese Tendenz zum Schweigen beobachtet. In jeder Familie gibt es wohl jemanden, der irgendwann das Bedürfnis verspürt, Chronist:in zu werden – derjenige, der Fotos sammelt, Gespräche führt oder Dinge aufschreibt. Bei mir ist es genauso. Ich kann diese Aufgabe gut mit meiner Arbeit verbinden.

Sabine Michel: Ja, das ist wirklich interessant. Es war eine bemerkenswerte Synchronität der Ereignisse, die mir einen starken Impuls gegeben hat, mich mit "Zonenmädchen" intensiv mit meiner Generation zu beschäftigen – ein Projekt, das ich viele Jahre zuvor begonnen hatte zu finanzieren. Kinodokumentarfilme zu drehen, dauert bekanntlich sehr lange, und ich war mir dessen bewusst. Es ist verrückt, Dörte, dass der 20. Jahrestag des Mauerfalls ein solcher Wendepunkt war. Ich erinnere mich genau daran, wie frustriert ich wieder vor Thierse und Gysi im Fernsehen saß und mich fragte, wo eigentlich unsere Erzählung dieser Zeit geblieben ist. Damals existierte unsere Perspektive einfach noch nicht. Wenn ich dich jetzt darüber sprechen höre, erkenne ich viele Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen. Das ist wirklich faszinierend.

Dörte Grimm: Genau, und dazu gibt es eine interessante Verbindung nach Jena. Während meines Geschichtsstudiums bin ich auf die Forschungen von Lutz Niethammer und Tanja Bürgel aufmerksam geworden, die sich explizit mit der dritten Generation auseinandergesetzt haben. Sie stellten damals die These auf, dass aus dieser Generation eine neue politische Kraft entstehen könnte, weil sie von einer radikalen Transformation in einer entscheidenden Lebensphase geprägt ist – einer Phase, in der der Körper erwachsen wird, aber die gewohnten Autoritäten und Beratungspersonen aus Schule und Familie weniger präsent sind. Das könnte, so die Theorie, eine besondere Stärke entwickeln. Ob diese These sich bewahrheitet, wird die Zukunft zeigen. Ein charakteristisches Merkmal unserer Generation ist, denke ich, der unbedingte Blick nach vorne. Wir reisten viel, lebten im Ausland, stets auf die Zukunft fokussiert, ähnlich wie unsere Eltern es taten. Aber als Sabine und ich begannen, zurückzublicken, wurde uns bewusst, wie prägend die Ereignisse in dieser kurzen Zeitspanne waren und wie wichtig es ist, auch darauf einzugehen. In vielerlei Hinsicht waren wir dabei unseren Eltern einen Schritt voraus.

Hanna: Für diejenigen, die den Blogartikel lesen, aber die Bücher noch nicht kennen, möchten wir einen kleinen Einblick geben: Wie sieht eure methodische Herangehensweise aus? Besonders interessiert uns, wie ihr mit den Gesprächen umgegangen seid, da sicher viele persönliche Verletzungen und sehr intime Themen aufgetaucht sind.

Weronika: Gerade weil ihr als neutrale Beobachterinnen dabei seid und dennoch eure Eindrücke einfließen lasst, wirkt es so, als würdet ihr diese Balance sehr gut halten. Es scheint, als ob ihr spüren könnt, wenn etwa die Großmutter oder der Vater verletzt sind. Ich stelle mir das sehr schwierig vor – dort zu sitzen und nicht direkt einzugreifen.

Dörte Grimm: Jedes Gespräch hat einen langen Vorlauf. Es ist nicht so, dass wir einfach einmal telefonieren, uns verabreden und dann loslegen. Oftmals gehen mehrere Telefonate oder auch persönliche Treffen voraus, um Vertrauen aufzubauen. Besonders beim ersten und auch beim zweiten Buch mussten wir oft die ältere Generation stärker überzeugen. Es gab viele Ängste und Vorbehalte, weshalb wir uns an einem Punkt für die Anonymisierung der Gesprächspartner:innen entschieden haben. Diese Option war oft der Türöffner, um ein offenes Gespräch zu ermöglichen. Und es hat den Raum für ehrliche Gespräche freigemacht. In den Vorgesprächen haben wir uns behutsam herangetastet. Wir haben die Gesprächspartnerinnen immer ermutigt, sich auch schwierigen Themen zu stellen. Natürlich wären diese Gespräche anders verlaufen, wenn wir nicht dabei gewesen wären. Aber wir haben festgestellt, dass es oft sehr hilfreich ist, wenn eine dritte Person anwesend ist – nicht nur als Zeugin, sondern auch als neutrale Instanz. Besonders in den Gesprächen von Sabine im zweiten Buch, die viele Traumata an die Oberfläche brachten, gab es Momente, die sehr herausfordernd waren. Sabine, wie hast du in diesen Situationen reagiert? Wie bist du damit umgegangen?

Sabine Michel: Vielleicht noch zur Vorbereitung: Besonders im zweiten Band, der sich mit der zweiten und vierten Generation beschäftigt, habe ich bei fast allen meinen fünf Gesprächspartnern auch mit der Generation dazwischen gesprochen – die sozusagen unsichtbar am Tisch sitzt. Ich bemühe mich immer sehr, mir ein möglichst umfassendes Bild der jeweiligen Familienkonstellationen zu machen. Nur so kann ich verstehen, welche Energien in dieser Familie wirken und welche Themen präsent sind. Ich halte auch nach den Gesprächen noch Kontakt, was für mich auch ein sehr wichtiger Teil des dokumentarischen Arbeitens ist, das ich schon lange kenne. Es muss klar sein, dass die Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden, ohne gegenseitige Wertung. Ein zentraler Punkt ist auch, dass jede:r zu Wort kommt und niemand unterbrochen wird. Es geht darum, dass jede Erinnerung und jedes Wort Platz hat. Diese Offenheit ist auch der Schlüssel, damit Themen zur Sprache kommen, über die die Gesprächspartner vielleicht sonst nie oder nur unter großem Schmerz sprechen würden. Es muss eine Atmosphäre geschaffen werden, in der klar ist, dass wir gemeinsam den Schmerz aushalten können. Ich nehme den Schmerz, der an den Geschichten hängt, wahr und halte ihn aus. Das schafft Vertrauen und ermöglicht es, tiefgehende Gespräche zu führen. Mein Ziel ist es, unter die Oberfläche zu gehen und Gespräche zu führen, die andere berühren und neue Perspektiven eröffnen. Diese Herangehensweise ist stark von meiner dokumentarischen Arbeit geprägt. Ein Beispiel dafür ist mein Film Frauen in Landschaften. Auch dort ging es darum, sich die Offenheit der Frauen zu erarbeiten. Sie wird einem meistens nicht geschenkt, es fällt einem nicht einfach zu – man muss diese Atmosphäre schaffen.

Dörte Grimm: Das ist auch, glaube ich, der große Unterschied zum journalistischen Arbeiten. Ein Beispiel aus einem Gespräch: Ich wurde von Journalisten, die das Buch gelesen hatten, auf eine Situation im Buch angesprochen. Darin äußerte sich der Opa in Bergen auf Rügen schwierig über ukrainische Geflüchtete. Im Buch bekommt diese Aussage Raum, und die Frage, wie er das gemeint hat, wird später aufgegriffen und geklärt. Der Unterschied zur journalistischen Vorgehensweise ist wohl, dass wir in solchen Momenten nicht sofort eingreifen, um etwas richtigzustellen oder jemanden zur Erklärung zu drängen. Stattdessen erhält diese Aussage ihren Raum und bleibt zunächst als Meinung stehen. Das hat sich für uns als sehr wichtig herausgestellt, und diese Vorgehensweise wurde von vielen Leser:innen geschätzt.

Sabine Michel: Es gibt natürlich auch gewisse rote Linien, es ist nicht so, dass wirklich alles einfach so stehen bleibt. Aber der Rahmen, den wir setzen, ist in unserer Arbeit viel offener. Im zweiten Band haben wir zwar mehr Fußnoten und Quellen eingebaut, um auch der Enkelgeneration – also eurer Generation – einen besseren Zugang zu ermöglichen, aber grundsätzlich bleibt unser Ansatz ein Stück weit subjektiv. Natürlich hinterfragen wir grobe Fehler oder falsche Aussagen. Aber ansonsten halten wir uns zurück und lassen die Aussagen so stehen, wie sie sind. Es stimmt, dass das ein wichtiger Punkt ist – und das macht den Reiz für die Leser aus. Viele finden sich in den Gesprächen wieder, und das ist etwas, was uns immer wieder gespiegelt wird.

Dörte Grimm: Dieses Aushalten anderer Meinungen ist ein zentraler Punkt. In der heutigen Gesellschaft gibt es oft schnelle Reflexe, wenn bestimmte Themen angesprochen werden. In unserem Buch wird genau diese Dynamik vermieden. Wir haben immer wieder sehr positive Rückmeldungen erhalten, besonders von der älteren Generation, die es als sehr wichtig empfinden, dass unterschiedliche Blickwinkel und Perspektiven einen Raum bekommen. Diese Offenheit wird als eine der Stärken unseres Ansatzes wahrgenommen.

Weronika: Neben der Öffnung dieses Raumes, was ich für sehr wichtig halte, habt ihr auch das Gefühl, dass die Teilnehmenden die Gespräche und den gesamten Prozess als eine Form der Aufarbeitung für sich selbst verstehen?

Sabine Michel: Es fiel besonders im zweiten Band auf, wie wenig die Vertreter der älteren Generation in den Gesprächen über ihre Gefühle sprachen. Im zweiten Band ging es ja auch um den Krieg, der in der Gegenwart zwischen Russland und der Ukraine stattfindet, und die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg, die für sie immer noch sehr präsent sind. Das hat unsere Gespräche stark beeinflusst. Es war sehr berührend zu sehen und zu verstehen, dass viele der Teilnehmenden nicht geübt darin sind, ihre Gefühle zu formulieren. Es wurden in unseren Gesprächen Erinnerungsräume geöffnet, in denen man das Gefühl hatte, dass dort jahrzehntelang nichts betrachtet wurde, und einige waren von ihren Erinnerungen regelrecht überwältigt. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob die Mehrheit den Prozess wirklich als eine Art Aufarbeitung begreifen, vielleicht einzelne.

Dörte Grimm: Besonders für die dritte, vielleicht auch die vierte Generation, besteht der Wunsch, diese Generation zum Sprechen zu bringen und ihre Erfahrungen einzuordnen. Aber ob es tatsächlich so funktioniert, ist schwer zu sagen. Unser Eindruck ist oft, dass für die ältere Generation, besonders mit dem Fall der Mauer und den 90er-Jahren, ein enormer Kraftakt verbunden war. Auch wenn es in sich eine Erfolgserzählung ist – die friedliche Revolution und der friedliche Übergang von einem System zum nächsten – war diese komplette Umstellung auf ein neues System für viele eine immense Herausforderung. Die Unsicherheit auf allen Ebenen und das Erlernen eines neuen Lebens in oft schon fortgeschrittenem Alter waren für viele so überwältigend, dass oft wenig Energie für eine tiefere Reflexion blieb. Wenn wir der älteren Generation spiegeln, wie beeindruckend ihre Leistung war, reagieren sie oft erstaunt, weil sie das selbst nicht so wahrnehmen.

Sabine Michel: Ich nehme diese Generationen mittlerweile sehr stark aus ihrem Anfang heraus wahr. Sie gehören zur Kriegskinder-Generation, die in ein sehr hermetisches gesellschaftliches System hineingewachsen ist. Dort haben sie sich relativ gut angepasst und konnten dort auch Freiräume für sich finden. Später, als sie vielleicht schon über die Mitte ihres Lebens hinaus waren, gab es dann in den 90er-Jahren diese zweite Zäsur: Alles, was sie in der Vergangenheit gekannt hatten, stand plötzlich auf dem Prüfstand, wurde hinterfragt, und vieles davon war unter Generalverdacht. Das kam als ein weiterer, großer Einschnitt hinzu, der auf das bereits vorgeprägte Leben aufsetzte. Dörte und ich kennen das ja auch aus unseren eigenen Familien. Es ist nicht zufällig, dass wir uns mit diesen Themen beschäftigen, denn wir haben ähnliche Erfahrungen in unseren Familien gemacht. Mittlerweile gibt es durch unseren Einfluss auch viel mehr Interesse an diesen Themen. Aber ich sehe nicht, dass es ein völliges Umdenken gegeben hätte. Das würde das gesamte Lebensgerüst dieser Generation zerstören, und das habe ich auch in Gesprächen mit einer Psychologin erfahren. Es gibt einfach Grenzen dessen, was Menschen leisten, schaffen und aushalten können. Ich finde, das spiegeln unsere Gespräche gut wider.

Dörte Grimm: Eine große Diskrepanz, die man wirklich feststellen kann, ist die Tatsache, dass das Leben in der DDR oft wie unter einer Decke verkapselt wirkt. Wenn positive Erlebnisse aus der DDR erzählt werden, insbesondere in einem halböffentlichen Rahmen, wird das gesellschaftlich oft nicht wirklich wertgeschätzt. Das hat auch Steinmeier in seiner Rede zur Deutschen Einheit vor zwei Jahren angesprochen. Er sagte, dass die Wende erst wirklich vollzogen ist, wenn die Lebensgeschichten der Ostdeutschen Teil des gesamtdeutschen Kanon sind. Viele Ostdeutsche der älteren Generation fühlen sich von diesem Moment jedoch noch weit entfernt. Zudem gibt es in den 90er-Jahren nicht nur die Globalisierung, sondern auch eine Digitalisierung, die eine neue Kluft zwischen den Generationen erzeugt. Auf der einen Seite haben wir die Enkel, die in der digitalen Welt zu Hause sind, mit einer hohen technischen Versiertheit, aber oft wenig Wissen über die persönlichen Verbindungslinien ihrer Familie haben. Die Jüngeren hatten vor den Gesprächen oft das Gefühl, dass sie noch nicht viel zu erzählen hatten, dass sie noch nicht so viel erlebt haben oder nicht genug wissen. Es gab jedoch auch Enkel, die einen großen Hunger darauf hatten, mehr über die Vergangenheit der Älteren zu erfahren. Aber es gab auch die, die nicht erkannten, wie ihre Familien-Geschichten miteinander verbunden sind, wie wichtig es ist, zu wissen, woher man kommt und wie sehr die Großeltern einen selbst geprägt haben. Durch diese Gespräche haben wir oft bei den Jüngeren ein Bewusstsein für diese Verbindungen geweckt.

Hanna: Ihr habt ja bereits von euren eigenen Familien gesprochen. Wie seid ihr persönlich mit solchen Gesprächen umgegangen, besonders da diese Gespräche sicherlich auch sehr emotional und intensiv waren? Habt ihr solche Gespräche auch in euren eigenen Familien geführt?

Sabine Michel: Im Laufe dieser Zeit haben wir immer wieder versucht, in unseren Familien das Gespräch zu suchen. Wir haben festgestellt, dass ein Gespräch nicht einfach erledigt ist, sondern dass es eher ein langer, vielleicht lebenslanger Prozess ist, der erst mit dem Tod endet. Aber selbst dann bleibt der Dialog oft in einem inneren Sinne bestehen. Für uns sind diese Gespräche in den Familien ein Anfang, kein Abschluss. Es ist wie das Setzen eines Samenkorns. Wenn dieses Samenkorn in einigen Familien wächst, und das haben wir nach unseren Gesprächen oft festgestellt, dann haben wir schon viel erreicht. Auch in unseren eigenen Familien sind diese Gespräche emotional sehr tiefgehend.

Dörte Grimm: Zu Beginn gab es in meiner Familie die Einstellung, dass man nicht ständig in der Vergangenheit verweilen sollte, dass "nichts älter ist als die Zeitung von gestern". Diese Haltung war auch bei mir spürbar. In meiner Zusammenarbeit mit Sabine vermischt sich die Aufarbeitung in der eigenen Familie manchmal mit unserer Arbeit. Sabine hat mich und meine Mutter in ihrem Film Wendemanöver vor die Kamera geholt, was für uns beide ein großer Schritt in der Familienverständigung war – aber auch sehr aufwühlend. Diese Projekte, insbesondere die Bücher, sind ein guter Ausgangspunkt, um ins Gespräch zu kommen. Man kann das Buch auf den Tisch legen und sagen: „Ich hätte da auch ein paar Fragen.“

Sabine Michel: Ja, und das ist ja auch Programm, dass wir, wenn es darum geht, die Gesprächspartner:innen zusammenzustellen, eine möglichst große Vielfalt haben, sodass sich Menschen auch unterschiedlichster Backgrounds, Schichten, Berufe, Wohnorte auf die eine oder die andere Weise auch in den Gesprächen wiederfinden können. Es gelingt mal mehr und mal weniger, weil es ja immer auch damit zu tun hat, welche Familien finden wir, die sich eben auch trauen.

Dörte Grimm: Tatsächlich leben zwei der Großeltern aus dem zweiten Gesprächsband schon nicht mehr. Das hat mir erneut vor Augen geführt, wie endlich alles ist. Oft denkt man, man hat noch viel Zeit, um alles zu besprechen, aber man weiß nie, wie das Leben spielt. Ich finde es erschreckend, dass von den fünf Gesprächen, die ich geführt habe, zwei bereits Großeltern verstorben sind. Kürzlich kam nach einer Lesung eine Frau zu mir und erzählte, dass sie aus einer Alkoholikerfamilie stammt und der Meinung ist, dass manche Gespräche einfach gar nicht mehr geführt werden können, weil die familiären Strukturen durch Alkoholismus oder andere Krankheiten so stark zerstört sind. Trotzdem sei es so wichtig, den Versuch zu unternehmen, das Gespräch zu suchen. Das hat mich sehr berührt.

Weronika: Das wäre auch meine nächste Frage gewesen: In den Büchern habt ihr ja ein sehr vielfältiges Bild dargestellt. Wie habt ihr es geschafft, so viele unterschiedliche Leute zu finden, die bereit waren, darüber zu sprechen?

Sabine Michel: Beim ersten Mal hatte ich angefangen, bei meinen Filmvorführungen Kontakte zu sammeln. Wenn jemand aus dem Publikum eine Geschichte erzählte, die mich berührte oder interessant klang, bin ich oft direkt nach der Vorführung zu dieser Person gegangen und habe gefragt, ob ich ihren Kontakt aufschreiben dürfe. Nicht alle dieser Gespräche sind letztlich zustande gekommen, aber immerhin stammen zwei von Dörtes Gesprächen im ersten Band aus solchen Verbindungen. Inzwischen haben wir durch die bisherigen Bände eine gewisse Struktur entwickelt. Für den dritten Band, den wir jetzt gerade vorbereiten, haben wir bereits eine positive Förderentscheidung bekommen – das können wir mittlerweile schon verkünden. Die Suche nach geeigneten Familien und Gesprächspartnern ist allerdings sehr aufwendig und dauert viele Monate. Wenn wir in den sozialen Medien oder anderswo auf interessante Hinweise stoßen, notieren wir uns das. Insgesamt dauert ein Buch ein bis anderthalb Jahre, was vor allem an der intensiven und zeitaufwändigen Arbeit liegt, die wir in die Recherche und das Finden der richtigen Familien stecken müssen.

Dörte Grimm: Für Band 2 haben wir sogar in Zeitungen inseriert und auf Facebook einen Aufruf gestartet. Wie beim ersten haben wir im Freundes- und Bekanntenkreis weit gestreut und viele Kontakte genutzt, um passende Gesprächspartner zu finden. Dabei haben wir uns auch intensiv mit den Themen befasst, die im ersten Band noch nicht erzählt werden konnten, wie zum Beispiel jüdisches Leben in der DDR, People of Color - die Geschichte der Vertragsarbeitergeneration oder auch Alkoholismus. Es war uns wichtig, ein möglichst vielfältiges Bild von ostdeutschen Leben zu zeigen. Das erste Buch war in diesem Prozess sehr hilfreich, da es uns bereits eine gewisse Bekanntheit verschafft hatte. Es haben uns auch Menschen aktiv kontaktiert und erzählt, dass sie Eltern oder Großeltern haben, die interessante Geschichten zu erzählen hätten. So haben wir Schritt für Schritt eine Auswahl getroffen.

Hanna: Was mich noch interessieren würde, ist, wie der Schreibprozess bei euch abläuft. Wie habt ihr es geschafft, beim Schreiben diese objektive Perspektive beizubehalten? Wir selbst erleben ja oft, wie schwierig es ist, sich als Autorin herauszuhalten.

Sabine Michel: Das ist ein Prozess, mit dem wir immer wieder kämpfen. Die Form war im ersten Band auch noch nicht gleich festgelegt. Anfangs war es überhaupt nicht klar, dass es ein Buch werden würde. Zuerst dachte ich, vielleicht führen wir diese Gespräche einfach, archivieren sie und sie könnten später genutzt werden. Dass daraus dann so etwas wie dokumentarische Porträtgeschichten entstehen würden, war eine Entwicklung, die sich erst im Laufe der Zeit ergab – auch zusammen mit dem Verlag Bebra. Es ist ein lebendiger Prozess, der sich ständig weiterentwickelt.

Weronika: Ihr habt ja bereits ein bisschen darüber gesprochen, was für Feedback die Bücher bei anderen auslösen und welche Rückmeldungen ihr bekommt. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass in meiner eigenen Familie, besonders auf der deutschen Seite, oft sehr offen über vieles gesprochen wurde. Trotzdem habe ich in der Weihnachtspause, als ich viel bei meinen Großeltern war, bemerkt, dass ich, trotz vieler Gespräche und nicht nur anekdotischer Erzählungen, viele Dinge nicht wusste. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, bestimmte Fragen zu stellen. Erst durch das zweite Buch, vor allem durch die Gespräche darin, wurde mir bewusst, welche Fragen man noch stellen könnte und welche interessanten Dinge dabei ans Licht kommen könnten. Daher interessiert mich besonders, welches Feedback ihr zu den Büchern bekommt und was ihr damit macht.

Sabine Michel: Ja, wir haben ja schon ein bisschen darüber gesprochen, dass es in den Familien, die an den Projekten teilnehmen, oft positive Anstöße gibt. Das ist beglückend für uns, besonders weil es ein sehr mühsames, idealistisches Projekt für uns ist. Aber auch wenn keine Wunder passieren, merken wir, dass das Gespräch weitergeht. Wir bemühen uns, viele Veranstaltungen mit den Büchern zu machen. Klar, es ist immer schön, in Berlin oder größeren Städten zu lesen, aber wenn es zeitlich und kraftmäßig möglich ist, gehen wir auch in ländliche Gegenden, um dort ins Gespräch zu kommen. Unsere Lesungen sind immer ein Aufruf zum Dialog. Das Buch dient dabei als hervorragender Einstieg, um mit der eigenen Familie mehr ins Gespräch zu kommen. Es ist auch ein Grund, warum wir den zweiten Band angegangen sind. Wir merken, dass diese Form wichtig ist. Über den Osten wird nach wie vor viel geschrieben, aber in den letzten zwei, drei Jahren gab es auch eine neue, interessante Vielfalt an Perspektiven. Autoren wie Hoyer oder Ilko-Sascha Kowalczuk zeigen diese breite Range. Aber nur in unseren Erzählbänden spricht der „Osten“ selbst. Es ist wirklich ein einzigartiges Forschungsprojekt, ein besonderer Feldversuch.

Dörte Grimm: Mich freut es, wenn mir zurückgespiegelt wird, dass ich die Situation und die Konstellation gut erfasst habe. Für viele der Gesprächspartner hat es eine Bedeutung, dass ihre Geschichten in einem Buch Platz finden, das Teil einer gesamtdeutschen Geschichtserzählung wird. Sie begreifen sich dann nicht nur mit ihrer eigenen, singulären Geschichte, sondern als Teil einer größeren Erzählung. Oft gibt es noch Scham und Schuldgefühle aus der DDR-Zeit, und den 90er-Jahren. Doch genau dieses Verständnis, dass man Teil eines gesellschaftlichen Umbruchs war und nicht allein verantwortlich für das Scheitern eines Betriebs oder die Veränderungen der Zeit, hilft, diese Gefühle ein Stück weit aufzulösen.

Hanna: Erhaltet ihr auch spezifisches Feedback aus einer westdeutschen Perspektive? Kommt es vor, dass sich Leute aus dem Westen melden, die das Buch gelesen haben und sagen: "Wow, das finde ich total spannend, so etwas habe ich noch nicht erlebt"? Oder wie verhält sich das Interesse zwischen der ostdeutschen und der westdeutschen Seite?

Dörte Grimm: Ja, auf jeden Fall. Besonders im ländlichen Raum, aber auch in den Großstädten gibt es immer wieder Westdeutsche, die aus großem Interesse an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Oftmals kommen sie in persönlichen Gesprächen nicht in diese Tiefe und wissen manchmal nicht einmal, welche Fragen sie stellen sollen – ähnlich wie die Enkelin, die sich unsicher ist. Aber man kann schon sagen, dass das Wissen über die DDR-Vergangenheit und die Transformationsgeschichte in Westdeutschland noch recht begrenzt ist. Im Vergleich dazu ist der Wissensschatz auf der anderen Seite vielfach höher…

Sabine Michel: …allerdings muss man einschränkend sagen: Interesse aus dem Westen, wirklich?

Dörte Grimm: Nein, aus dem Westen direkt nicht, aber auf unseren Veranstaltungen sind schon Leute da.

Sabine Michel: Westdeutsche, die in den Osten gezogen sind, zeigen tatsächlich Interesse an unseren Themen, aber insgesamt bleibt das Interesse aus dem Westen sehr punktuell. Viel zu oft wird das Thema als rein ostdeutsch betrachtet und als etwas, das den Westen nichts angeht. Beim ersten Band konnte ich das vielleicht noch ein Stück weit nachvollziehen, aber spätestens beim zweiten Band hatten wir gehofft, dass die Generation der Enkel, die ja zum Teil in den alten Bundesländern lebt, auch eine deutsch-deutsche Perspektive aufbringen und das Interesse breiter wird. Doch das Gegenteil war der Fall. Trotz Lesungen und Ankündigungen gab es keinerlei nennenswerte Reaktionen im Westen. Wir waren mit dem zweiten Band nicht einmal in den alten Bundesländern unterwegs. Und selbst die Landeszentralen für politische Bildung in den sogenannten alten Bundesländern, die oft ein Verbündete in solchen Themen sind, haben kein Interesse gezeigt.

Dörte Grimm: Ein interessantes, aber auch frustrierendes Missverhältnis. Es gibt eine starke Wahrnehmung von Andersartigkeit, die sich auch im Wahlverhalten zeigt, aber es fehlt an echtem Interesse an den tieferen Ursachen und den Unterschieden.

Sabine Michel: Es ist frustrierend, dass ostdeutsche Perspektiven und Geschichten oft nur auf die Regionalsender MDR oder RBB beschränkt bleiben und nicht als Teil einer gesamtdeutschen Auseinandersetzung wahrgenommen werden. Dabei geht es nicht darum, alles gleich zu machen, sondern wirklich ein tieferes Verständnis für diese Andersartigkeit zu fördern.
Mit unserem dritten Band, den wir 2025 in Angriff nehmen, werden wir ein weiteres Gesprächsangebot machen. Da wir diesmal auch Gesprächspartner:innen in den alten Bundesländern aufsuchen werden, bleibt es spannend!

Hanna: Ja, dieses Desinteresse ist ein wiederkehrendes Thema. Es scheint, als ob ostdeutsche Perspektiven oft als „extra“ oder „anders“ wahrgenommen werden, anstatt als ein integraler Bestandteil der gesamtdeutschen Geschichte und Diskussion. Diese Trennwand zwischen Ost- und Westdeutschland bleibt immer noch spürbar, auch wenn es zunehmend mehr Projekte gibt, die versuchen, diese Kluft zu überbrücken. Aber solange Ostdeutschland in vielen Bereichen weiterhin als „spezifisch“ betrachtet wird, wird es schwierig, wirklich eine gesamtdeutsche Öffentlichkeit zu erreichen, die sich mit diesen Themen ernsthaft auseinandersetzt.

Weronika: Aber das ist doch ein schöner Schlussappell – es muss sich etwas ändern!




Vielen Dank an Sabine und Dörte für das sehr interessante und angenehme Gespräch!

Weronika



Die Links zu ihren Büchern und weiteren Projekten findet ihr hier:

Bücher „Generationengespräche Ost“:
















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