Die Frage, warum oder für wen ich schreibe, hat in den vergangenen Jahren eine Evolution durchgemacht. Wir haben diesen Blog begonnen, weil wir genervt waren - genervt von zahlreichen Aussagen westdeutscher Kommiliton*innen und Mitstipendiat*innen zum Thema Osten, genervt vom medialen Bild des Ostens, das über die Medien transportiert wird, genervt von Rechtsradikalen, die "Ostdeutschland" für sich umdeuteten und beanspruchten. Wir schrieben drauflos, und anfangs war mir völlig egal, wer das lesen würde - wir schrieben ins Blaue hinein, um das zu verarbeiten, was uns beschäftigte, und, falls es jemand lesen sollte - umso besser, so würden wir den westdeutsch dominierten Medien etwas entgegensetzen. Aber meine Empfindungen dazu haben sich geändert. Und darum soll es heute gehen: um wechselnde Identitäten, innere Konflikte und den bleibenden Drang zu schreiben.
Der Anfang war aufregend. Ich war selbst überrascht davon, wie viel sich in mir angestaut hatte und wie einfach mir die Worte in meinem ersten Beitrag aus dem Kopf durch die Finger in die Tasten flossen. Es war ein großartiges Gefühl, all das endlich aufschreiben zu können, es rauszulassen. Ich schrieb aus Frust heraus, aus einem Ungerechtigkeitsgefühl, anfangs ohne klare Absichten - außer der, endlich mal gehört (bzw. gelesen) zu werden.
Die erste Änderung vollzog sich wahrscheinlich parallel zu unserem Politischer-werden, unseren klaren Worten zur AfD und zum Rechtsextremismus, denn auch in unserem (weiteren) Umfeld finden sich mit Sicherheit Menschen, die der AfD nahestehen, sie wählen, ihre Hoffnungen auf diese Partei projizieren. Und dann ist es schon weniger leicht, die richtigen Worte zu finden, nämlich Worte, die gleichzeitig vor diesen Entwicklungen warnen und sie verurteilen, aber die Menschen trotzdem dazu bewegen können, unsere Beiträge zu lesen und nicht in eine Anti-Haltung zu verfallen. Die Menschen nämlich nicht aufzugeben und als "ohnehin verloren" zu bezeichnen, und trotzdem meiner, unserer Ansicht treu zu bleiben. Es ist nämlich etwas vollkommen anderes, sich mit Leuten im Internet zu streiten, als diesen Leuten real im Leben gegenüberzustehen und mit etwas konfrontiert zu werden, was man in seinem Blog geschrieben hat. Meine Schreibabsicht verschob sich, wenn ich diese Beiträge konzipierte. Ich wollte klare Kante zeigen und gleichzeitig Menschen ansprechen und zum Nachdenken bringen, die eine zu meiner Position entgegengesetzte Meinung haben, ohne sie als Lesende einzubüßen. Und schon schrieb ich anders - viel mehr mit einer anderen Zielgruppe im Kopf.
Aber auch in der "ostbewussten" Sphäre wächst die Zahl unserer Aufrufe. Wir haben im Mai den Bundespräsidenten getroffen, im November waren wir auf dem N5-Symposium. Dieses Jahr kam es besonders in der 2. Hälfte häufiger vor, dass ich im "echten" Leben auf den Blog angesprochen wurde und direktes Feedback erhielt, sehr häufig sehr positiv, sehr häufig konstruktiv und wohlmeinend. Der Blog ist schnell gewachsen und gut gewachsen, was wir großartig finden und was uns freut - aber das ging, zumindest bei mir, auch mit einer kleinen Identitätskrise einher. Die wenigen direkten Kritikpunkte, die an mich herangetragen wurden, behalte ich manchmal so im Hinterkopf, dass ich schon von dieser Perspektive aus denke, bevor ich mit dem Schreiben beginne - oder auch mit dem Reden. Am Deutlichsten wurde mir dieser innere Wandel nämlich bewusst, als ich am 5. November dieses Jahres im Rahmen des "Dies Academicus" zum Thema "Viel mehr als Ost und West" der Uni Erfurt, an dem Hanna und ich beteiligt waren, auf dem Podium saß. Dort sprach ich, kurzfristig als Vertretung für Maja Eib eingesprungen, mit Wolfgang Thierse, André Brodocz und Eberhard Tiefensee über verschiedene, eher diffuse und allgemeine Ost-West-Themen. (Generell schreibe ich lieber als ich spreche - aber gut, manchmal geht es nicht anders.) Ich saß jedenfalls auf diesem Podium und dachte intensiv darüber nach, was ich sagen sollte und was nicht, und auch, wie ich es sagen sollte - im Hinterkopf immer das Publikum und meine Mitredner. Es lief wohl gar nicht so schlecht, aber hinterher habe ich mich trotzdem geärgert, weil ich für mein Gefühl zu wenig ich selbst gewesen war.
Und das führte mich zu der Frage: Für wen mache ich das eigentlich? Für mich selbst, wie ganz am Anfang, als Frustabbau? Für die westdeutsch-überheblich-ahnungslosen Mitstipendiat*innen, zum Erkenntnisgewinn? Für meine Familie und meine Bekannten mit bereits ähnlichen Meinung zur Selbstbestätigung? Für die breite Gesellschaft, als Beitrag zu einem diverseren Medienbild? Für die Opfer der SED-Diktatur, um ihnen mehr Sichtbarkeit und Gehör zu verschaffen?
Das wiederum zeigte mir, aus welcher Haltung heraus ich unterbewusst manche meiner Beiträge verfasst habe - in dem Versuch, einzelne Gruppen nicht zu verärgern und gleichzeitig so vielen dieser Gruppen wie möglich gerecht zu werden. Und auch aus der Befürchtung heraus, dass ich an Glaubwürdigkeit und Vertrauen verliere, wenn ich mich zu wenig - oder zu sehr - selbst zensiere, wenn ich schreibe.
Ich will Verständnis haben für die ältere Generation, gleichzeitig aber auch für die Jüngeren in ihren Erfahrungen des 35-Jahre-nach-der-Wende-anders-gemacht-werdens, die ihnen von Älteren - oder auch von Gleichaltrigen aus anderen Bundesländern - abgesprochen werden. Ich will ernst genommen werden als Bloggerin und angehende Historikerin von denen, die in der DDR "dabei waren", auch, wenn ich anderen Fakten glauben schenken muss als denen, die sie mir präsentieren. Ich will von Ostdeutschen wahrgenommen werden als jemand, der ihre, unsere Situation versteht und benennt, und ich will gleichzeitig von Westdeutschen, Gesamtdeutschen, allen anderen nicht als "Ostalgikerin" oder "Jammerossi" aufgefasst werden. Ich will aber auch nicht, dass Ostdeutsche mir eine "Verwestlichung" und fehlenden Realitätsbezug vorwerfen, obwohl ich von Görlitz "nur" nach Erfurt gezogen bin und somit nicht als richtige "Expat" zählen kann. Ich will, dass meine Texte sprachlich gelungen und akademisch sind, gleichzeitig möchte ich, dass sie für alle Lesenden gleichermaßen verständlich sind und sich nicht in einem unangenehm reinen Bildungsbürgertum, einer künstlichen Denkblase bewegen, die in der wirklichen Welt zerplatzt und keine Haltung hat. Plot twist: All das gleichzeitig wird nicht funktionieren, und manchmal kann es sogar wichtig sein, jemanden zu verärgern, denn aus Konflikten und Schwierigkeiten wird Wachstum möglich.
All das musste ich mir in den letzten Monaten schrittweise bewusst machen, während es mir schwerer als zuvor fiel, meine monatlichen Beiträge zu verfassen. Ich hatte Angst, jemand würde mir fehlende Integrität vorwerfen, ein falsches Wort, zu wenig Ahnung. Inzwischen bin ich weiter. Die Benennung dieser Konfliktfelder, dieser wechselnden Identitäten und flüssiger Zuschreibungen sollen nicht dazu führen, dass ich mich selbst zensiere. Sie soll mir bewusst machen, dass ich für mehr als nur für eine Zielgruppe schreibe, und mit mehr als nur einer Absicht. Das macht es vielleicht nicht einfacher, aber sinnvoller. Ich möchte mit diesem Beitrag auch zeigen, was in der heutigen Zeit häufig verdeckt wird - eine Evolution. Nichts ist von Beginn an so, wie es sich entwickeln wird - und nichts muss von Beginn an so sein, wie es werden soll. Es ist in Ordnung, etwas zu ändern, weiterzudenken, umzudenken, an einer anderen Stelle weiterzumachen. Und: Wir sind nie frei von den Erwartungen Anderer an uns, aber auch nicht von unseren eigenen Erwartungen. Sicherlich hilft es, sich der verschiedenen Erwartungen bewusst zu werden und sie, sofern passend, einfließen zu lassen. Am Ende müssen wir aber damit leben können, wie sehr wir selbst mit uns zufrieden sind.
Ich bin sehr stolz darauf, was wir dieses Jahr mit Eastplaining und wie viele verschiedene Menschen wir damit erreicht haben. Für 2025 nehme ich mir vor, wieder etwas gelöster zu werden in meinem Schreiben und in meinen Beiträgen mehr ich selbst zu sein und dabei trotzdem so viele Menschen wie möglich zum Lesen und Nachdenken zu bewegen. Wer weiß, wo wir in einem Jahr stehen werden. Es ist ein Prozess, und es zeugt meines Erachtens von Integrität, wenn man sich darauf einlässt und den Prozess dokumentiert - nicht, wenn man behauptet, alles sei von Anfang an ideal konzipiert gewesen. Es sind noch keine Bloggerinnen vom Himmel gefallen.
Mit den besten Wünschen fürs neue Jahr!
Weronika
P. S.: Das Sprechen konnte ich heute noch einmal ausprobieren, denn ich war zu Gast im Radio F.R.E.I. in Erfurt! Dort habe ich von unserem Blog erzählt. Den Beitrag könnt ihr hier nachhören.
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